Presse: Verlorene Liebesmüh

Ein Schwur und seine Folgen

Von Ruth Lütz-Bedorf. Kölner Stadt-Anzeiger vom 24. September 2012

Das konnte ja nicht gutgehen. Vier Männer schwören einander, drei Jahre lang asketisch zu leben, sich nur der Literatur und Wissenschaft zu widmen, regelmäßig zu fasten und vor allem jeden Kontakt mit Frauen zu meiden. Es war William Shakespeare, der sich 1594 diese Versuchsanordnung ausdachte und in der Komödie „Verlorene Liebesmüh“ anschaulich vorführte, zu welch aberwitzigen Verwicklungen diese idealistische Idee führen sollte. Horst Jüssen (1941-2008), bekannt aus der Fernsehserie „Klimbim“ und einst Mitglied der „Münchner Lach- und Schießgesellschaft“, hat eine hübsche, leicht gekürzte Fassung dieses Stücks hinterlassen, die derzeit in Liblar über die Bühne geht. Es ist die 40. Produktion der Amateurtheatertruppe „Szene 93“.

Der König von Navarra (Volker Schumann, zusammen mit Anette Dewitz auch Regie) und die Hofherren Biron (Stephan Nichtweiß), Longaville (Sascha Mohme) und Dumain (Jan Ennenga) bleiben ihrem Schwur nicht lange treu, denn es gibt Damenbesuch.

Die Prinzessin von Frankreich (souverän und hoheitsvoll: Stephanie March, 2010 beim Theaterfestival Rhein-Erft als beste Darstellerin ausgezeichnet) kommt, zusammen mit drei Hofdamen, um dem Herrscher im Auftrag ihres Vaters, des französischen Königs, eine geschuldete Geldsumme zu überbringen. Die Damen, eine schöner als die andere, dürfen das Schloss wegen des Enthaltsamkeitsschwurs der Männer nicht betreten. Kaum sind die Frauen in ihr Besucherzelt eingezogen, da zerreißen die Schwurbrüder flugs ihre Eidesurkunde.

Zauberhafte Kleider

Bereits vor einem Jahr hatte man sich am französischen Hof kennen- und lieben gelernt. In zauberhaften Kleidern (alle selbst genäht von Sabine Engeländer, der charmanten Hofdame Katharina) versprühen die Damen so viel weiblichen Liebreiz, dass jeder der vier Eidbrecher seiner Angebeteten einen heimlichen Liebesbrief schreibt. Dank des ebenso unbedarften wie schlauen Dieners Schädel werden die nicht adressierten Briefe vertauscht und stiften heilloses Durcheinander. Daniel Forschbach gibt das Faktotum Schädel in köstlicher Mischung aus Begriffsstutzigkeit und Schläue. Mit seinen philosophischen Betrachtungen und lebenserfahrenen Kommentaren zu den Irrungen und Wirrungen des Geschehens ist Schädel direkter Partner des Publikums, Forschbach ist eine Idealbesetzung und erntet Extra-Applaus.

Der spielfreudigen Theatertruppe gelingen in ihrem kleinen Theater – souverän weiß sie den engen Raum zu nutzen – die schönsten Szenen, Sprachwitz und Ironie würzen die Dialoge, die zunehmenden Missverständnisse und Täuschungsversuche werden publikumswirksam herausgespielt. Die Regie setzt auf die Ausdruckskraft der Darsteller und gibt ihnen Raum zu individuell modellierender Figurengestaltung. Sascha Mohme und Charlotte Haendeler als seine Herzensdame Maria lassen in treffsicherer Karikatur erahnen, dass ihre ersehnte Gemeinsamkeit ihren Schwerpunkt in der Küche haben würde. Jan Ennenga greift als Poet zur Laute und würde mit Sabine Engeländers anmutiger, zartbesaiteter Hofdame Katharina ein schönes Paar bilden. Kerstin Rasmussens (Rosaline) berstende Erotik passt punktgenau zu Stephan Nichtweiß’ Biron, dessen Temperament ihm schnell mal den Verstand raubt.

Das Paar König und Prinzessin vermittelt exemplarisch eine Botschaft, die das ganze Stück durchzieht: die klügere Frau steuert den verwirrten Mann. Die Prinzessin verfügt, dass die Paare ein Jahr bis zur Hochzeit warten müssen. Vielleicht nicht die schlechteste Entscheidung angesichts der erwiesenen Wankelmütigkeit der Männer. Weitere Aufführungen in der Kleinen Bühne, Poststraße: Freitag, 28. September, 20 Uhr, Samstag, 29. September, 20 Uhr, Sonntag, 30. September, 18 Uhr.

© 2022 Szene 93