Rückblick auf die Erftstadt Sampler 1-4

Die Geschichte der Erftstadt Sampler

Dier Beitrag erschien 2011 im Jahrbuch der Stadt Erftstadt.

 

Erftstadt rockt!

Es heißt „Rock’n’Roll will never die“ und dieses Motto trifft ohne Frage auch auf die Erftstädter Musikszene zu. Nach zehn Jahren Pause feierte bei den Kulturtagen 2010 der „Erftstadt Sampler“ mit jungen Bands Wiederauferstehung. Die vierte Auflage versammelte auch dieses Mal wieder handgemachte Musik junger Bands der Stadt auf einer CD.

Text: Philipp Wasmund       

„Eine Schallplatte soll Dornröschen nun wecken“, titelte der Kölner Stadt-Anzeiger 1998. Dornröschen, damit war nicht etwa die Erftstädter Musikszene gemeint, sondern die Erftstädter selbst, die noch nicht wirklich mitbekommen hatten, dass Erftstadt „Hochburg der Rockbands“ ist (Kulturdezernent Heinz Küpper 1999). Die Jugendberatung Mobilé zählte 23 Gruppen, die aktiv Musik machten. Viele von ihnen traten regelmäßig im in ihrem kleinen Café im Lechenicher Stadthaus auf. Leiter Klaus Röttgen und Honorarkraft Rolf Röttgen, seines Zeichens auch Sänger der Kölsch-Rock-Bands „Schmitz“ und „Kommando 2. November“ (ja in den 90ern gab es junge Rockbands die auf Kölsch sangen), kamen auf die Idee eine CD zu produzieren, um den aktiven Musikern eine größere öffentliche Wahrnehmung zu verschaffen. Der „Erftstadt Sampler“ wurde geboren, aufgenommen wie alle anderen Tonträger danach, beim Lechenicher Matthias Reznik. Damit einhergehend wurde auch die Musikszene näher beleuchtet. Denn damals wie heute sind es vor allem große Projekte die Themen in die öffentliche Diskussion bringen. Der Schuh drückte vor allem, dass es keine Probenräume für die Bands und keine Auftrittsmöglichkeiten in einem größeren oder mittelgroßen professionellen Kontext gab. Hallen in Dirmerzheim und Köttingen als Probenräume, angeregt durch den damaligen Stadtdirektor Bösche, kamen nicht so gut an. Im Erftstadt-Anzeiger klagte ein junger Musiker pointiert: „Gar nicht so einfach, jeden Tag sein Schlagzeug auf dem Fahrrad zum Probenort zu bringen.“ Aber die Gedanken sind frei, besonders was Erftstädter Kulturzentren angeht. So kam die Idee auf, aus der alten Feuerwache in Liblar eine „Jugendkulturfabrik“ zu machen. Allerdings blieb es bei Gedankenspielen; heute ist hier ein Parkplatz. Das Präsentationskonzert, welches bei jeder Veröffentlichung nicht fehlen durfte, fand daher im Pfarrzentrum St. Kilian statt. Die erste CD wurde mit Hilfe der evangelischen und katholischen Jugend aus Lechenich durch Mobilé auf den Weg gebracht und von den Bands mitfinanziert. Die ersten drei Sampler sind heute vergriffen, wer die Möglichkeit hat, sie zu hören, wird merken, dass sie immer noch interessant sind. Vor allem wird deutlich, dass Musik junger Bands, fast nie inhaltsloser Spaß ist und dass dabei nur selten großen Vorbildern einfach blind gefolgt wird. Viel mehr ist es tatsächlich ein künstlerischer Ausdruck, bei dem nicht selten die Suche nach einem Platz im Leben thematisiert wird und das ist keine Frage zeitlos. Auf dem ersten Erftstadt Sampler, herausgebracht im Januar 1998 fragen „Kidzgardens“: „Who do you think you are?“ In der Umsetzung dieser und ähnlicher Fragen, wirken die Aufnahmen inhaltlich wie musikalisch natürlich trotzdem als Zeitdokument. Die Musik zeigt sich in allen Rock-Variationen ihrer Zeit. Es gibt verträumten Deutsch-Rock der Bands „Loomer“ und „feist & faul“. Metal, wie ihn gerade die neunziger Jahre ausgemacht hat, gespielt von „Breakdown“ und „Nucleus“, die zwei Jahre später den Kreisweiten Bandwettbewerb Local heroes gewonnen haben. Musik von „Blaubach“, die aus funkigen Keyboard-Sounds und Popmelodien ähnlich der späten „Prinzen“ etwas Eigenes kreierten. Wesentliche Teile der Band sorgten übrigens ebenfalls für die Musik beim Erftstädter Kindermusical „Ein Tag auf Erden“ und nahmen mit den Schauspielern den Soundtrack auf CD auf – was sicher auf das Samplerprojekt zurück zu führen ist. „Souled out“ und „Dissolving images“ machten eine damals nicht ganz ungewöhnliche Kombination aus Psychedelic Rock und vor allem New Wave. Musikalische Farben, wie es sie heute in dieser Form vermutlich nicht mehr bei jungen Bands gibt. Genau wie die kölsche Rockmusik, in denen „schokolade Mädche“ und „Rock ‘n‘ Roller“ von „Schmitz“ und „Kommando 2. November“, besungen wurden. Die Mitglieder dieser Bands haben auch maßgeblich die Organisation der Sampler mit angetrieben.

Ist sie zu hart, bist du zu weich

Bereits ein Jahr später folgte der zweite Teil mit neuen Bands, um allen Musikern der Stadt gerecht zu werden. Neben den Machern des ersten Samplers war nun auch Szene 93 als Sponsor mit dabei. Musikalisch zeigte sich der zweite Sampler sogar noch etwas vielseitiger. Eröffnet wurde die CD von der Band „County Jail“ – die vielleicht einzige Formation der frühen CDs die heute noch regelmäßig auftritt – und die mit Hardrock die Stimmung der Platte schon gut einfing: insgesamt etwas härter als der Vorgänger. Deswegen warnte das musikalische Fachblatt „St. Kilian informiert“ im Januar 1999: „Für diese CD kann nur eines gelten: IST SIE ZU HART, BIST DU ZU WEICH.“ Zumindest Genuine Bruised schlugen genau in diese Kerbe mit Punkmusik im Stile von „Green day“. Auch „Natural Born“ und „Escalation“ waren als Vertreter verschiedener Spielarten des Metal vertreten und zeigten, dass sich Gesang, der von vielen bösartig nur als Krach bezeichnet wird und ausgefeilte Soli und Gitarrenriffs nicht ausschließen. Die Band „Vinapa“ verwischte die Genregrenzen, wo sie nur konnten: harte Schlagzeugrhythmen nah am Heavy Metal, Gitarrenspuren aus dem Hard Rock, Melodien und Gesangsharmonien aus dem Progressive Rock. Insgesamt melodiös mit dem Anspruch tanzbare Musik der härteren Gangart zu machen. Doch bei den rauen Tönen blieb es auf dem Erftstadt Sampler 2 keineswegs. Funkige Töne im New Wave Gewand, komplett am PC komponiert von „Gem“, trafen auf erdigen Bluesrock von „Kilkenny Blues“ und den in den 90er Jahre sich etablierenden melancholischen „Alternative Rock“, den die Gruppe „Subito“ spielte. Kölschrock spielt auf dem zweiten Sampler, wie auch in den Charts, immer weniger eine Rolle. „Kopp“ gehörten mit ihrer hörenswerten Rockballade zu einer aussterbenden Art. Ruhig endet die CD mit zeitloser Folkmusik von „Shircahn“, in Englisch und auf Deutsch.

CD-Produktion bringt Bands zusammen

Kaum war der zweite Sampler ausgeliefert, begannen schon die Planungen für den dritten Teil. Diesmal übernahmen Musiker und Organisatoren, die sich nun als Abteilung von Szene 93 als „Musikszene“ gefunden hatten, eigenständig die Abwicklung. Es ist schon erstaunlich dass im dritten Jahr in Folge immer noch sechs unveröffentlichte Bands für eine CD gefunden werden konnten. Dazu kamen drei Projekte, die den Erftstadt Sampler zum Anlass nahmen, zusammen Musik zu machen. Darunter das „Tageslicht Projekt“, die mit klassischen Instrumenten christliche Musik auf Kölsch aufnahmen. Außerdem „Craic“ und „Guess why“, die limitiert auf Gitarre und Gesang gefühlvolle Balladen einspielten. Gab es auf der zweiten CD bereits die ersten Songs aus dem Computer von „Gem“, zeigte die „Sample Factory“ was in den auslaufenden 90er Jahren auch am heimischen PC im Bereich der Technomusik möglich wurde. Mit „Senseless Creatures“ hatte es die Grunge-Musik, in Kombination mit Metal-Einflüssen, gerade noch rechtzeitig auf die CD geschafft. Schließlich war die Hochzeit des Grunge schon einige Jahre zuvor gewesen. Psychedelic Rock auf  Deutsch (!) von Seelentanz, Blues-Rock von „Room Service“, „Rookies On The Passing Lane“ und eleganter Funk Rock von „Seven“ komplettierten den „Erftstadt Sampler III“ als abwechslungsreiche Platte, die im Januar 2000 präsentiert wurde.

Die nächste Generation

Im gleichen Jahr startete eine regelmäßige Live-Musikreihe im Blessmer Eck, die 2006 mit dem Pächterwechsel endete. Zuvor bemerkten die Organisatoren bereits, dass es etwas ruhiger wurde um die Bandszene – und das nicht nur in Erftstadt. Auch der „Local Heroes“-Bandwettbewerb, dessen Vorentscheid auch in Friesheim und Blessem ausgetragen wurde, bekam das zu spüren. Doch zyklische Prozesse finden nicht nur in der Wirtschaft statt. Was runter geht, geht auch wieder rauf: „Rock ‘n‘ Roll will never die“. Seit 2007 gibt es wieder vermehrt junge Bands in unserer Stadt. Als Szene 93 die Räume der alten Feuerwehrleitstelle zur Kleinen Bühne umbaute, kam schnell die Idee auf, hier etwas Neues anzubieten. „Musik + X“, die Kombination aus Kleinkunst, wie Autorenlesungen und Stand up Comedy, und jungen Bands, startete im Januar 2008. Hier können die Musiker wie im erfolgreichen MTV-Format „unplugged“, mit leiseren Tönen ihr Können zeigen. Schnell zeigte sich, dass Zuschauer und Musiker gleichermaßen vom Konzept begeistert waren. Nach zwölf erfolgreichen Ausgaben „Musik + X“ fühlten wir uns reif, für die Kulturtage 2010, nach zehn Jahren Pause, die vierte Auflage des „Erftstadt Sampler“ anzugehen. Dafür konnten die aktuell aktivsten Bands aus Erftstadt begeistert werden. Auch dieses Mal bleibt der „Erftstadt Sampler“ sich treu und vereinbart konsequent Unvereinbares, gibt Zuhörern die Möglichkeit neue Farben der Musik kennenzulernen und jungen Bands ein Forum, sich zu entwickeln. Wieder gingen die Erftstädter Musiker in das Tonstudio von Matthias Reznik, um jeweils zwei Songs aufzunehmen. Auffallend bei der neuesten Auflage ist vor allem, dass die Bands sich weniger aktuellen Strömungen anschließen – was man genau genommen auch wiederum als Markenzeichen der aktuellen Musikszene bezeichnen könnte. „Spam“ und „Creative Injection“ zeigen, dass die Begeisterung für Gitarrenlastige Rockmusik auch im 21. Jahrhundert immer noch aktuell ist. Beide Bands suchen ihre Vorbilder bei den großen Meistern des Blues- und Hardrocks, um diese zu einem ganz eigenen Sound, der frisch und klassisch zugleich klingt, zu verbinden. Zu den jüngsten Teilnehmern gehört das Duo „Got2Sisters“, die beim Präsentationskonzert zum ersten Mal als Band „Tussi Deluxe“ auftraten. Dies ist ein Beispiel für die Entwicklung junger Bands durch große Projekte. Mit ihrer Popmusik, die vom melodischen Gesang der Schwestern getragen wird, hatten sie es beim Konzert neben den männlichen Rockbands sicher nicht leicht. Sie ernteten aber vielfach großen Respekt für ihren Auftritt. Ebenfalls nicht einfach machte es sich das Trio „Trivia“. Sie spielten ganz reduziert, nur mit Gitarre, Keyboards und Gesang. Melodisch-dramatischer Akustik-Pop, balladesk ohne Angst zu haben gefühlvoll zu sein. Die „Fahrstuhlkavaliere“ gehören sicher zu den bekanntesten aktuellen Bands. Sie sind eine gelungene Kombination aus Pop und Rock. Die „Kavaliere“ haben zudem der Erftstädter Bandszene mit dem zweiten Platz beim Kreisweiten „Local Heroes“-Bandwettberb“ 2007 große Ehre gebracht. „Stereokult“ entdeckten funkigen Indierock für sich, als er in den Charts noch lange nicht aufkam. Heute ist diese Musik im Mainstream weitestgehend angekommen. Der ungewöhnlichste Teilnehmer aller vier CDs wird wohl Daniel Winkels sein. Ihn kennen viele als Hälfte des Comedy-Duos Freakheimrammler, die bereits bei „Musik + X“ neben Bands auftraten. Für den „Erftstadt Sampler 4“ brauchte er seine große Leidenschaft für die Musik und insbesondere Johnny Cash nicht erst zu entdecken. Sein Humor brachte der CD und dem Konzert eine besondere Note. Insbesondere seine frech-ironische Erftstadt-Hymne zeigt, dass die junge Generation ihrer Stadt mit ihren Stärken und Schwächen mit trockenem Humor begegnet. Das Präsentationskonzert war vor allem ein voller Erfolg, weil die Aufmerksamkeit der einzelnen Fangruppen für die anderen Bands erstaunlich hoch war. Und die Bands waren über die seltene Möglichkeit in Erftstadt im großen Rahmen auftreten zu können dankbar. Denn dass dies in Erftstadt fehlt, hat sich seit 13 Jahren kaum geändert. Immer noch sind die wenigen professionellen Auftrittsmöglichkeiten rar oder mit enormem Aufwand verbunden. Immer noch hängt es an einzelnen handelnden Personen die sich engagieren und Probenräume gibt es weiterhin überhaupt keine. Die Hoffnungen ruhen darauf, dass es im Neubau der Musikschule auch für Rockbands ein Zuhause geben wird, wie es andere Städte seit Jahren vormachen. Es ist kein Geheimnis, dass schon ein Mindestmaß an Infrastruktur eine ganze Generation befruchten kann. Wie sagte Kulturdezernent Heinz Küpper 1999: „Es gibt sicherlich schlechtere Möglichkeiten Freizeit zu verbringen, als Musik zu machen.“ Der „Erftstadt Sampler 4“ ist dafür wieder der beste Beweis.